Auszüge aus dem Hirtenwort von Bischof Wolfgang Ipolt

zum Jahr des Glaubens 2012 - 2013

und einige passende Videoclips zu den vom Bischof behandelten Themen

Wer glaubt, sieht mehr!

 

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

 

in der vergangenen Woche, am 11. Oktober, hat Papst Benedikt XVI. das Jahr des Glaubens eröffnet und auch ich habe mit Vertretern aus den Gemeinden unseres Bistums den Anfang dieses Jahres in der Kathedrale begangen.

….

 

Papst Benedikt schreibt am Beginn seines Apostolischen Schreibens „Porta fidei“:

„Wir dürfen nicht zulassen, dass das Salz schal wird und das Licht verborgen gehalten wird (vgl. Mt 5, 13-16). Wir müssen wieder Geschmack daran finden uns vom Wort Gottes und vom Brot des Lebens zu nähren.“

 

„Was, du glaubst noch an Gott? Du gehst noch in die Kirche?“

manch einer von Ihnen – sei er jung oder schon älter – hat sich eine solche Frage vielleicht schon einmal gefallen lassen müssen.

Dann steigt uns schnell die Schamröte ins Gesicht und die Frage kommt in uns auf: Bin ich denn wirklich nicht auf der Höhe der Zeit? … Ist es denn tatsächlich so seltsam, dass ein Mensch an Gott glaubt?

 

Andererseits kann eine solche Anfrage uns auch ein wenig stolz machen in dem Sinne:

„Da hat doch tatsächlich einer bemerkt, dass ich Christ bin. Darüber

freue ich mich. Ich habe es geschafft, meinen Glauben ins Spiel zu bringen.“



Nochfolgend ein Videoclip mit einer Umfrage zum Thema "Gehen Sie noch in die Kirche und wenn ja, warum?" vor der Münchener Frauenkirche:

Solche und ähnliche Erfahrungen könnten viele von uns erzählen.

Meine Fragen, über die ich mit Ihnen nachdenken möchte, lauten so:

 

Wie können wir tiefer entdecken, dass unser Glaube ein großer Reichtum ist, dessen man sich nicht schämen muss? ...


 

1. Wer glaubt, sieht mehr – im eigenen Leben

 

Der gläubige Mensch weiß, dass es keinen Zufall gibt, weil Gott, der Schöpfer, unser Leben in seiner Hand hält und es mit uns lebt. Der gläubige Mensch kann darum fragen: Herr, was willst Du mir mit diesem Erlebnis sagen?

Welchen Hinweis gibst Du mir zum Beispiel in dieser meiner Krankheit?

Der gläubige Mensch wird selbst in unverständlichem Leid oder furchtbaren Erfahrungen an Gott festhalten, weil er weiß, dass gerade in diesen Erfahrungen des Kreuzes Gott bei ihm bleibt. …

 

Mein Vorschlag für das Jahr des Glaubens:

Gehen Sie einmal in der Stille ganz persönlich der Frage nach:

Welche Wege bist Du, Gott, mit mir in meinem Leben schon gegangen? Ob Sie nicht im Rückblick selbst für schwierige Wegstrecken plötzlich danken können? …

Der folgende Videoclip mit dem Lied "Jeder Tag ist ein Geschenk" von Kurt Mikula gibt einige Anregungen zum Dankbarsein.

2. Wer glaubt sieht mehr – selbst in Sünde und Schuld

 

Es gehört zu den schwierigsten Erfahrungen menschlichen Lebens: Nicht alles gelingt uns. Wir haben Grenzen. Das Gute kommt oft nicht zum Durchbruch.

Der Apostel Paulus beschreibt diese Erfahrung treffend so:

„Das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.“

 

In dieser Spannung leben wir alle. Bei uns selbst und bei unserem Nächsten, oft bei den Menschen, die wir am liebsten haben, schmerzt die Sünde und das Versagen am meisten. Es gibt Bosheiten, die uns wirklich verletzen und die nicht einfach aus der Welt zu schaffen sind. …


„Sünde“ ist ein Glaubenswort – denn es hat mit Gott zu tun. Sünde bedeutet: Was Menschen an Schuld auf sich laden, was sie einander aus Bosheit zufügen, das ist für den gläubigen Menschen auch ein Vergehen gegen Gott, dessen Geschöpfe wir alle sind.

 

Ich behaupte: Gerade in der Erfahrung der Sünde zeigt sich der Reichtum und die Kraft unseres Glaubens. Wir glauben an einen Gott, dem die Sünde nicht gleichgültig ist. …


Vergebung ist immer ein Geschenk. Ich kann sie erbitten, gewähren kann sie mir nur ein anderer – letztlich Gott allein. Wer glaubt, wird auch in der Sünde auf Gott gestoßen und darf vertrauensvoll rufen: Herr, sei mir Sünder gnädig! Das ist Trost und Ermutigung zugleich. Gott lässt den Sünder, der so betet, nie im Stich, sondern erlässt ihm die Schuld und ermöglicht ihm einen neuen Aufbruch.


Ich wünsche mir, dass das Jahr des Glaubens für uns alle ein Jahr wird, in dem wir das Erbarmen Gottes und seine Barmherzigkeit neu entdecken. In jeder Gemeinde sollten darum in den verschiedenen Gruppen Überlegungen angestellt werden, wie wir neue Zugänge zum Bußsakrament finden können und auf welche Weise dieses Sakrament neuen Glanz gewinnen kann. …



Im folgenden Videoclip erklären Mädchen vom St. Marien-Gymnasium in Regensburg, wie sie über das Bußsakrament denken.

In diesem Sakrament lehrt uns Gott den ehrlichen Blick auf unsere Sünden und befreit uns zugleich davon. Wer glaubt, sieht darum mehr – nicht nur die eigene Sünde, sondern auch Gottes Erbarmen!

 

3. Wer glaubt, sieht mehr – im Kreislauf der Woche und des Jahres

 

Wie arm wären wir, wenn es das Kirchenjahr nicht gäbe!

Wir leben als Christen mit den großen Festen und Festzeiten. Weihnachten und Ostern, der Advent und die Fastenzeit, die Feste der Mutter Gottes und der Heiligen, geben dem Jahr sein Gepräge. Nicht alle Tage sind dadurch gleich – es gibt einen Wechsel zwischen Alltag und Feiertag.

Dazu kommt der Rhythmus einer Woche, die wiederum mit einem Festtag beginnt – dem Tag des Herrn, dem Tag seiner Auferstehung. Zu jeder Woche gehört schließlich auch ein Bußtag – der Freitag, der uns innehalten lässt und die Haltung der Umkehr in uns wach halten möchte. Dieser Rhythmus einer Woche und des Jahres wird erfahrbar in unseren Kirchen, aber auch im Brauchtum des einzelnen Christen und der Familie. So wird der Glaube sozusagen anfassbar und sichtbar.

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Ich gebe einmal folgendes zu bedenken: Viele Menschen, die nicht glauben, können nur durch bestimmte Feste oder Bräuche der Christen mit dem Glauben in Berührung kommen.

Immer wieder werden z. B. Priester und pastorale Mitarbeiter gebeten, in den Tageszeitungen etwas zu den kirchlichen Feiertagen zu erklären und sie zu erschließen. …

Viel wichtiger aber ist, dass wir Christen das Kirchenjahr leben, dass wir in unseren Häusern die guten Bräuche, in denen der Glaube anfassbar wird, nicht aussterben lassen.

 

Wer glaubt – für den ist jedes Jahr ein „Jahr des Herrn“ – der wird immer tiefer hinein genommen in seinen Lebensweg. Wer wirklich glaubt, der weiß aus eigener Erfahrung:

Ohne Freitag gibt es keinen Sonntag, ohne Fastenzeit gibt es kein Ostern.

Der Glaube muss aus meiner Sicht an manchen Stellen einfach praktisch werden. Die Esskultur eines Christen, der am Freitag auf Fleisch verzichtet, ist zum Beispiel ein Zeichen dafür, dass der Glaube, wie auch in der Fastenzeit, bis in die Küche geht. …

 

Ich schlage Ihnen darum ein Gespräch in Ihrer Familie zu diesem Thema vor: Sie könnten dabei der Frage nachgehen: Wie kann es uns in unserem Haus besser gelingen, den Kreislauf des Jahres und der Woche christlich zu gestalten? Welchen guten christlichen Brauch in der Gestaltung einer Woche sollten wir wieder gewinnen und fest verankern im Leben unserer Familie?


Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir über diese Ihre Überlegungen und Verabredungen in Ihrer Familie einmal einen Brief schreiben würden. Vielleicht können Kinder dazu auch ein Bild malen. …

Nachfolgend hören und sehen wir den Titelsong der Ausstellung "Himmelfahrt und Aschenkreuz - Kirchenfeste spielend verstehen" im LVR-Freilichtmuseum Lindlar nahe bei Köln, gesungen vom Kölner Jugendchor St. Stephan.

In unserem Bistum wollen wir im Verlaufe der kommenden Monate auf verschiedenen Wegen und bei verschiedenen Gelegenheiten unseren Glauben vertiefen und uns neu an diesem großen Geschenk freuen.

 

Besonders lade ich Sie schon heute zu den vier Abenden über das Glaubensbekenntnis der Kirche ein, die in den drei Dekanaten unseres Bistums in verschiedenen Pfarreien stattfinden werden. Sich dorthin auf den Weg zu machen, wäre ein Zeichen der eigenen Glaubenssuche. …

 

Ich schlage vor, auch im persönlichen Gebet und in der Familie öfter einmal das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Diese Worte verbinden uns mit den Christen aller Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und können darum auch in einer konfessionsverschiedenen Ehe gemeinsam gesprochen werden.

Was heißt glauben? Papst Benedikt beantwortet diese Frage so:

„Glaube ist die Entscheidung, beim Herrn zu sein und mit ihm zu leben.“

 

Liebe Schwestern und Brüder, in diesem Sinne erbitte ich Ihnen allen und besonders den Menschen, die noch auf der Suche nach der Wahrheit über ihr Leben sind,

den Segen des dreifaltigen Gottes,

des Vaters + und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.

 

Görlitz, den 14. Oktober 2012

 

+ Wolfgang Ipolt

 

Bischof

Den vollständigen Text des Hirtenwortes kann man

auf unserer Bistumsseite nachlesen.