Aus dem

 

FASTENHIRTENBRIEF 2012

 

unseres

 

Bischofs

 

Wolfgang Ipolt:



Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

 

Ende vergangenen Jahres ging eine Nachricht durch die Presse, die mich nachdenklich gemacht hat. Das Bundesverwaltungsgericht hatte in einer Einzelfallentscheidung einem Schüler muslimischen Glaubens untersagt, in der Schule öffentlich in Richtung Mekka zu beten … mit der Begründung, dass durch das öffentliche Gebet der Schulfrieden gestört werde. …

Die verwendete Begründung mutet seltsam an. Ich frage mich: Wäre der Schulfriede auch gestört, wenn ein christliches Kind in der Pause plötzlich die Hände faltet und, bevor es sein Schulbrot verzehrt, ein Tischgebet murmelt? …

 

Für den jungen Mann war es undenkbar, seine Gebetszeiten im Laufe des Tages zu unterlassen. … Ob er wohl durch sein Verhalten auch einige christliche Mitschüler zum Nachdenken angeregt hat über ihre Gebetspraxis? Ich hoffe es!

 

Und damit bin ich beim Thema meines Hirtenbriefes: … Was bedeutet uns Christen das Gebet? …

 

1. Was geschieht mit einem Christen, der nicht mehr betet?



Ich ziehe einen Vergleich heran. Wenn zwischen Eheleuten das Gespräch verstummt, dann heißt es oft: Wir haben uns nichts mehr zu sagen! … Zwischen den beiden ist „Funkstille“ und es zieht eine schweigsame Kälte ein. … Es braucht schon einen großen neuen Anlauf, um das erstorbene Gespräch neu zu entfachen und wieder in Gang zu setzen.

 

So ähnlich kann es mit unserem Beten sein. Wenn wir Christen nicht mehr beten, dann ist „Funkstille“ zwischen Gott und uns. Wir haben nichts mehr zu sagen, aber wir lassen auch nicht zu, dass Gott uns etwas sagen kann. Das wäre der Tod einer Beziehung, die in der Taufe begonnen hat. … Was ist da zu tun? ...

 

2. Den Alltag beten

Der heilige Ignatius, ein großer Lehrer des Gebets, hat davon gesprochen, dass man Gott in allen Dingen suchen und finden kann.

 

Nichts ist Gott fremd. Darum kommt es darauf an, den Alltag zum „Material“ für unser Gebet werden zu lassen. Unsere normale Arbeit, unsere Sorgen und Freuden, ja selbst eine Krankheit oder eine Spannung und Auseinandersetzung zwischen Menschen können Ausgangspunkt und Anregung für ein Gebet werden.

 

Auch jenseits frommer Orte und großer Gottesdienste kann Gott plötzlich anwesend sein. Wir müssen ihn nur einlassen und zulassen, dass er in unser Leben hineinredet. … Es gibt nichts in unserem Leben, das ihm nicht vertraut wäre.

Ich meine, es kann unseren Alltag verändern, wenn wir das Licht Gottes darauf scheinen lassen.

 

Ich möchte an dieser Stelle einmal ganz praktische Vorschläge machen, dafür, wie Sie selbst in der kommenden Fastenzeit das Beten neu entdecken können.

 

3.1. Das „Ziehharmonika-Gebet“

Das ist eine seltsam anmutende Bezeichnung für etwas ganz Einfaches. Jeder von uns kennt einige Gebete auswendig – das Vaterunser, das Ave Maria, das Glaubensbekenntnis …

 

Versuchen Sie einmal die einzelnen Zeilen des Vaterunsers mit Pausen zu sprechen – sie sozusagen wie eine Ziehharmonika auseinander zu ziehen. So entstehen kleine Pausen, die sich leicht mit eigenem Leben füllen lassen: „Dein Wille geschehe“ – was heißt das heute für mich? „… wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ – wo muss das noch übers Herz gebracht werden? Welchen ersten Schritt dorthin will ich gehen?

 

… So können auch Bibelworte, die ich auswendig kenne oder langsam lese, gedehnt werden durch Pausen, in denen der Heilige Geist in uns beten kann und in unser Leben hineinsprechen kann.

 

3.2. Am Morgen und am Abend

Ein altes Sprichwort sagt:

„Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der beste Lebenslauf.“

Man könnte dieses Sprichwort, das zunächst das ganze Leben meint, auch auf den Tageslauf übertragen.

Das Morgen- und das Abendgebet ist wie ein Rahmen um jeden Tag. Vorausschauen und Zurückschauen mit Gott, das ist eine kostbare geistliche Übung, die wir unsere Kinder unbedingt lehren und von der wir selbst nie lassen sollten. …

Die Fastenzeit ist ein Anlass, es neu zu lernen, den Tag mit Gott zu beginnen und zu beenden.

So wird wiederum unser Alltag umfangen von seiner Gegenwart.

Wir haben alle unsere Erfahrungen gesammelt damit, wie schwer es sein kann in dieser Regelmäßigkeit des Betens treu zu bleiben.

Darum füge ich einen Rat an:

Helfen Sie einander, zu beten, indem sie es gemeinsam tun – wo es irgend möglich ist. …

Ein gemeinsames Gebet am Morgen oder am Abend in der Familie, auf einer Fahrt, in einer Gruppe mit Gleichgesinnten ist eine Stütze für alle. Das sollten wir nicht unterschätzen. …

 

3.3. Das Stoßgebet

 

Wir können uns im Laufe eines Tages über manches ärgern, wir können unter Belastungen stöhnen und uns auch an Schönem freuen. Aber wenn wir es fertig bringen, bei alledem zu Gott aufzublicken und es ihm hinzuhalten, dann kann er mit seiner Kraft unser Leben durchdringen.

Stoßgebete sind solche kurzen Aufblicke, die keine Zeit kosten.

„Komm, Heiliger Geist!“ – „Herr, erbarme dich!“ – „In Gottes Namen!“ – „Gott, dir sei Dank!“ – das sind kurze Gebetsrufe, mit denen wir die verschiedensten Situationen gläubig bestehen können.

Gott umarmt uns mit der Wirklichkeit unseres Lebens – darum ist er immer schon gegenwärtig in allem, was uns widerfährt. Das sollten wir dankbar sehen und vertrauensvoll zu ihm aufblicken und uns von ihm führen lassen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Beten kann man nicht von Natur aus. Man muss es in jeder Lebensphase neu entdecken und üben. … Das Gebet ist der Ernstfall unseres Glaubens. … Denn erst wenn der Mensch betet, wenn er mit Gott wie mit einem Freund redet, wie die heilige Theresa von Avila sagt, dann nimmt er Gott wirklich ernst und lässt sich von ihm herausfordern. Ob unser Glaube seine Kraft und seine Tiefe behält, wird sehr davon abhängen, wie ernst wir es mit dem Gebet nehmen. …

Ich wünsche mir, dass in unseren Pfarrgemeinderäten einmal dieser Frage nachgegangen wird:

Wo sind in unserer Gemeinde … Orte des Gebetes und wie sind sie gestaltet? Wird bei den Versammlungen unserer Gruppen und Vereine gebetet? Wenn ja, ist es so einladend, dass jemand Freude am Beten finden und darin wachsen kann? …

Liebe Schwestern und Brüder,

Gott schenkt uns die kommenden Wochen der Bußzeit zur Vorbereitung auf das Osterfest.

Wenn wir unsere Gebetspraxis in dieser Zeit vertiefen und erneuern, dann öffnen wir uns wie eine Blume, die sich der Sonne zudreht, für das österliche Licht, dass unser Leben verwandeln kann. …

 

Und vergessen wir eines nicht: Jesus selbst hat gebetet – das ist Grund genug, sich ihm anzuschließen und es auch zu tun!

 

In all Eurem Bemühen um das Gebet

segne Euch der allmächtige Gott + der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.

 

Euer Bischof

+ Wolfgang Ipolt

 

 

Und zum Schluss noch eine Gebetsempfehlung unseres Bischofs

für das

Morgen- und Abendgebet:



AM MORGEN

 

Herr, dieser Tag,

und was er bringen mag,

sei mir aus deiner Hand gegeben.

Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Du bist der Weg, ich will ihn gehen.

Du bist die Wahrheit, ich will sie sehen.

Du bist das Leben.

Mag mich umgeben

Leid und Kühle, Glück oder Glut, -

alles ist gut,

wie es kommt.

Gib, dass es frommt.

In deinem Namen

beginne ich. Amen.

AM ABEND

 

Herr, dieser Tag

mit seinem kostbaren Ertrag

war mir aus deiner Hand gegeben.

Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Du bist der Weg, ich durfte ihn gehen.

Du bist die Wahrheit, ich durfte sie sehen.

Du warst das Leben.

Ob mich umgeben

Leid und Kühle, Glück oder Glut, -

alles war gut.

Wie immer es kommt,

du gibst, dass es frommt.

Und hab ich heut missfallen dir,

so bitt ich dich, verzeihe mir.

Bewahre auch all meine Lieben,

schenk ihnen Schutz und deinen Frieden.

In deinem Namen

ruhe ich. Amen.